Gedenken zum 75. Todestag von Arno Esch
Pastor Arvid Schnauer; Rene Domke, Senator Wismar; Univ.-Professor em. Dr. theol. habil. Hermann Michael Niemann, Uni Rostock; Dr. Lars Tschirschwitz, stellv. Landesbeauftragter; Dr. Wolfgang Peters, Uni Rostock; Dr. Michael Heinz, Bundesarchiv Stasiunterlagen; Martin Birkholz, Arno Esch-Stiftung; Dr. Peter Uebach; Steffi Brüning, LpB und Leiterin Gedenkstätte Stasi Rostock; Helmuth Mack, Arno Esch-Stiftung; Dr. Volker Hoeffer, Bundesarchiv Stasiunterlagen; Frau Uebach; Peter Meier, VERS, Natalja Jeske, Historikerin (v.l.n.r.)
FOTO: Dr. R. Schadowski
Arno Esch, Ein Streiter für Frieden, Freiheit, Wohlstand und Gleichberechtigung
von Dr. Volker Höffer, Leiter des Bundesarchiv Stasi-Unterlagen Rostock
Schon am 24. Juli 2020 begann ich mit den Worten, mit denen ich auch heute anfangen möchte: Es gibt Menschen, deren Wirken und Schicksal weit über ihre Zeit hinausragen, deren Vorbild, moralische Integrität und Ideen ewig aktuell bleiben. Zu diesen außergewöhnlichen Menschen zählt Arno Esch.
Am 18.10.1949, nur elf Tage nach Gründung der DDR, hier in Rostock als Gegner der neuen Diktatur verhaftet, wurde er heute vor genau 75 Jahren im fernen Moskau im Alter von nur 23 Jahren ermordet.
An ihn als normalen und zugleich sehr besonderen, aber nicht auf einem Sockel stehenden Menschen und seine geradezu „ewigen“ Ideen zu erinnern, ist heute, 36 Jahre nach Friedlicher Revolution in der DDR und deutscher Wiedervereinigung, von bedrückender Relevanz - angesichts der um sich greifenden totalitären Gefährdungen im In- und Ausland, einer irrationalen Ost- bis Fernostalgie und den Kriegen in der Ukraine und im Nahen Osten.
Wer war Arno Esch?
Er wurde am 6. Februar 1928 im ostpreußischen Memel (heute Klaipeda/Litauen) als Sohn eines Spediteurs geboren und ging den damals typischen Leidensweg. Statt das Abitur zu beenden, musste der knapp 16jährige 1944 zum Kriegshilfsdienst bei der Marine. Am Kriegsende gelangte er nach Schönberg (Mecklenburg), wo seine Mutter Emma als Flüchtling gelandet war.
Im Oktober 1945 setzte er zunächst die Schule fort, konnte aber im März 1946 vorzeitig die Zulassung an der Universität Rostock erlangen. Er schrieb sich zunächst an der Philosophischen Fakultät der Universität Rostock ein, wechselte jedoch im November an die Juristische. Diesem Studium widmete er sich mit derartigem Talent, dass ihm eine akademische Karriere offenstand.
Im Juni 1946 trat er der Liberaldemokratischen Partei (LDP) bei, wurde bald Mitglied ihrer Landesleitung, zuständig für Jugendfragen und auf diesem Wege auch LDP-Abgesandter in der damaligen Spitze der Freien Deutschen Jugend (FDJ) der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ). Nebenbei schrieb er unermüdlich Zeitungsartikel und politisch-philosophische Texte. Student blieb er trotzdem.
Betrachtet man eines der wenigen überlieferten Fotos, sieht man einen fast asketisch wirkenden, sehr ernsthaften jungen Mann. Damalige Mitstreiter beschreiben ihn als ausgeprägt rational-philosophischen Kopf, voll unglaublichem Arbeitseifer und ohne Privatleben. Sein messerscharfer Verstand und die immense rhetorische Begabung waren bei seinen politischen Gegnern gefürchtet.
Er wusste aber auch einfache Menschen für sich einzunehmen. Kurzum: Esch war eine politische Spitzenbegabung ohne moralischen Makel, mit einer immensen rhetorischen Begabung und mit dem Willen (!!!), Menschen verschiedensten Standes seine Ideen direkt und verständlich zu erklären.
Liest man die Schriften des damals erst 19-20jährigen (zum Beispiel „Nationalität und Weltanschauung“ vom Dezember 1948), so erkennt man eine tiefe Prägung durch die Grauen der NS-Diktatur und des Krieges.
Vielleicht öffnet sich aber auch gerade wegen dieser existentiellen Erfahrungen eine erstaunlich moderne und brillant dargelegte Gedankenwelt eines wahrhaft selbstlosen Streiters für ein friedliches, nicht-nationalistisches Miteinander der Völker in Europa, für Freiheit, Demokratie, Menschenrechte, Marktwirtschaft mit umfassender sozialer Teilhabe und (man staune) für die Gleichberechtigung der Frauen.
Durch die persönliche Integrität, das rhetorische Talent, die starke politisch-publizistische Arbeit und seine Ideen geriet Arno Esch immer stärker in Konfrontation mit der entstehenden neuen Diktatur der sowjetischen Besatzungsmacht und der SED, mitgetragen auch durch eine zunehmend gleichgeschaltete LDP-Führung.
Dies umso mehr, als er Ende 1948 eine neue „Sammlungsbewegung aller freiheitlichen und sozialen Kräfte“ aus dem linken Flügel der LDP, dem rechten Flügel der SPD und Teilen der CDU anschob.
Ziel war eine „neue Lebensordnung“, basierend auf radikaler Sozialpolitik in einer freien Wirtschaft, auf Pazifismus, Weltstaat-Idee und entpolitisierter Kultur. Zu diesem Zweck gründete Arno Esch zunächst im Geheimen auch die „Radikal-Soziale Freiheitspartei“.
Kurz nach der Gründung der DDR zog die neue Diktatur blank. Zunächst in Schwerin von einem sowjetischen Militärtribunal am Demmler-Platz verurteilt, transportierte ihn die sowjetische Geheimpolizei nach Moskau und erschoss ihn dort, vor heute genau 75 Jahren, am 24. Juli 1951.
Außer wenigen mitverhafteten Gefährten wusste niemand um seinen letzten Leidensweg. Alle, die Aufklärung suchten, wurden entweder ignoriert oder in der DDR massiv unter Druck gesetzt. Seiner Mutter drohte man Berufsverbot und Haft an. Sie zerbrach innerlich daran und starb ohne letzte Klarheit über das Schicksal ihres Sohnes.
Erst mit den Umbrüchen im sowjetischen Herrschaftsbereich ab Ende der 1980er Jahre konnte sein weiteres Schicksal endgültig aufgeklärt werden. Sein Freund Friedrich Franz Wiese brachte über Bundesregierung und Michail Gorbatschow 1988 den Stein der Schicksalsaufklärung ins Rollen.
Anfang 1989 daraufhin vom KGB an die DDR-Staatssicherheit übergebene umfängliche, aber nicht vollständige Kopien der NKWD-Akten erhellen seine letzten Jahre wesentlich und vermitteln ein Bild seines Leidensweges, tapfer und aufrecht gegangen bis zum Schluss. Im Sommer 1990 wurde Arno Esch durch das Oberste Gericht der Sowjetunion voll rehabilitiert.
Um diesen mutigen Streiter und seine heute mehr denn je aktuellen Ideale von Freiheit, Demokratie, Frieden zwischen den Völkern, freier Wirtschaft mit sozialem Ausgleich und Gleichberechtigung der Geschlechter gebührend und damit ungleich stärker als bisher im gesellschaftlichen Bewusstsein zu verankern, wäre es nötig, seine Mitstreiter und ihn im Bildungskanon in Schule und Universität zu behandeln, nicht nur, aber vor allem auch hier in Mecklenburg-Vorpommern.
Und auch die Schaffung eines schon sehr lange angeregten „Arno-Esch-Zentrums für vergleichende Kommunismus- und Diktaturforschung“ an der Universität Rostock durch die Landesregierung M-V wäre ein starkes Signal.
Verbunden mit der Dokumentations- und Gedenkstätte (DuG) in der ehemaligen Stasi-U-Haft und weiteren angedachten Partnern entstünde ein einmaliger Erinnerungs-, Bildungs- und Forschungskomplex - dem Leben, Wirken und Leiden dieses mutigen, visionären Demokraten und Freiheitsliebenden wahrhaft angemessen.
Und es wäre gerade in diesen Zeiten ein deutliches Bekenntnis zu einer friedlichen, europäisch integrierten, freiheitlich-demokratisch-rechtsstaatlichen Gesellschaft auf der materiellen Basis einer freien Wirtschaft mit ausgeprägter sozialer Verantwortung - als deutlich humaneres und lebenswerteres Modell im Vergleich zu jeder autoritären Ordnung.
Grußwort anlässlich des Gedenkens zum 75. Todestag Arno Eschs
von Dr. Lars Tschirschwitz, stellv. Landesbeauftragter für MV für die Aufarbeitung der SED-Diktatur
Sehr geehrte Damen und Herren,
das Leben Arno Eschs gibt Auskunft über Träume und Hoffnungen, Politisierung und Entschlossenheit einer Generation von jungen Menschen in Deutschland, die in der NS-Diktatur aufgewachsen waren. Sie wollten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ihr Leben erst richtig beginnen. In Rostock wie in den anderen Teilen der sowjetischen Besatzungszone war der Wunsch nach einem freien Leben gewiss nicht weniger stark ausgeprägt als in den westlichen Zonen, wo die später so genannte 45er-Generation oder auch „Generation Flakhelfer“ im Laufe der Jahrzehnte politisch wirksam werden konnte. Anders als dort nahm hier jedoch recht schnell eine neue Diktatur Gestalt an. Arno Esch und seine Mitstreiter in der und um die LDP – die 1945 gegründete Liberaldemokratische Partei – wollten ein anderes Deutschland erstreiten. Es gelang ihnen nicht. Und so ist das Schicksal Arno Eschs auch ein Sinnbild für das Unrecht, das in der Sowjetischen Besatzungszone angelegt und in der DDR fortgeführt wurde. Nicht nur galt der junge Demokrat als Feind, der unschädlich zu machen war. Über das, was ihm widerfahren war, konnte auch nicht öffentlich gesprochen werden. Gleiches galt für die mit ihm Verurteilten Gerhard Blankenburg, Heinrich Puchstein, Friedrich-Franz Wiese, Hans-Georg Neujahr und viele andere.
75 Jahre nach Hinrichtung des Rostocker Studenten in Moskau stehen wir im Foyer des Hörsaals, der seinen Namen trägt. Diese Form der Erinnerung ist ein Zeichen der Ehrung und Anerkennung des Opfers, das Arno Esch für seine Überzeugungen und für eine freie Gesellschaft nach dem Ende der nationalsozialistischen Diktatur gebracht hat: sein Leben. Universitäten stehen und standen stets unter besonderer Beobachtung diktatorischer Regime. Wer wüsste dies besser, als die Engagierten im Verband ehemaliger Rostocker Studenten?
Ich möchte allen Mitveranstaltern, aber insbesondere Ihnen, die Sie seit Jahrzehnten dafür sorgen, dass diese und Ihre Geschichten nicht vergessen werden, herzlich danken, dass Sie auch für diese Gedenkveranstaltung heute den Anstoß gegeben und die Organisation vorangetrieben haben. Erlauben Sie mir bitte an dieser Stelle auch an die rund 35.000 weiteren Deutschen zu erinnern, die bis 1955 von Sowjetischen Militärtribunalen jenseits jeglicher Rechtsstaatlichkeit zu langer Lagerhaft unter unmenschlichen Bedingungen in der Sowjetunion oder so genannten Speziallagern in der SBZ/DDR abgeurteilt wurden sowie an mehr als 3.500 weitere, die wie Arno Esch so ihr Todesurteil erhielten. Und es waren nicht nur Studenten, nicht nur politisch Engagierte betroffen, sondern in den vielen kleinen Städten unseres Landes gibt es Familien, die oft erst nach Jahren vom Verbleib ihrer Angehörigen erfahren und darüber sprechen konnten.
Die Landesbeauftragtenbehörde arbeitet seit 1993 daran, das in der SBZ/DDR begangene und erlittene Unrecht aufzuarbeiten, Menschen bei der Rehabilitierung zu helfen, unbekannte Schicksale aufzuklären. Ich sage dies nicht um des Applauses willen, sondern weil man im Rückblick erkennen kann, welche Spuren diese Jahrzehnte in den verschiedenen Generationen seit Arno Esch hinterlassen haben. Zu Beginn stand die Errichtung einer Diktatur im Vordergrund, die exemplarisch tödliche Gewalt anwendete und so Menschen für ein unfreies Leben konditionierte. Menschen, die Workuta überlebt hatten und zurückgekehrt waren, gehörten nach 1990 zu den Ersten, die für ihr Recht auf Rehabilitierung nach rechtstaatlichen Prinzipien eintraten und so wesentlich zur Aufarbeitung beitrugen. In den späteren Jahrzehnten des Bestehens der DDR hatte sich die Brutalität der Macht vielleicht nicht mehr ganz so offen gezeigt. Unangepasste Jugendliche, Ausreisewillige, Menschen, die einfach ein anderes als das staatlich geplante Leben wollten, blieben jedoch bis zum Schluss Ziel der Repression in der SED-Diktatur. Politische Haft, Berufsverbote, Zersetzung und weitere Instrumente der Unterdrückung sind es, an deren Folgen viele noch heute leiden, während anderenorts grinsend die Hymne der DDR angestimmt wird. Der Konflikt zwischen Demokratie und Diktatur, zwischen Freiheit und Autoritarismus besteht fort.
Lassen Sie uns gemeinsam dafür sorgen, dass das Opfer Arno Eschs, stellvertretend für Tausende, nicht umsonst war.